# 02.09 – cosmische liebesfeuer
log 92-06-21:
“Nicht weil es schwer ist,
wagen wir’s nicht,
sondern weil wir’s nicht wagen,
ist es schwer.”
Lucius Annaeus Seneca prangte regelrecht mit diesen zerbrechlichen Worten über meinen Kontrollinstrumenten, die längst andere Flightcommander überwachten. Mit mehr als 90 Lebensjahren in diesem Lebensabschnitt konnte ich mich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren; seit fast 50 Jahren führte ich diese spezielle Staffel. Ein entspannter Nachtflug, ich blätterte in alten Aufzeichnungen, registrierte im Unterbewusstsein dennoch jede Flugveränderung des Schiffes. Knapper Blickkontakt quer durch die Kommandobrücke, Thor antworte stumm mit einem schmunzelnden Nicken.
Nach der Trennung von Lou hatte ich einige Ablenkung in Sonderprojekten im ESC erhalten, und hastig eine kleine Installation im Neptunbad parallel vorbereitet.
BILD SUBJEKTIV, HALBNAH, NACHT, INNEN
TON Einsam fliegt der Commander UE J. Hawk seinen allenergy.Glider in die Tiefen der Unendlichkeit.
Mittlerweile akzeptierte er auch, dass dieser Glider ihn in Sphären brachte, die er noch nicht kannte. Auf den langen Flügen hatte er zunehmend gelernt, seinem Gefühl zu vertrauen. Und er war froh darüber, dass er sich selbst grundsätzlich nicht untreu geworden war. Ein irdischer Liebeszauber hatte ihn gewandelt, die Arbeit an Worten und Bildern war liegengeblieben.Der Autopilot stürzt ab, bringt ihn vom Kurs ab, er muss manuell eingreifen
Seine persönliche Hoffnung: Dass man ihm die einfache Wahrheit seines Weges glauben würde. Jetzt begehrte er heisser denn je, und wollte auf dem vorgegebenen Weg Boden wettmachen; ohne sich wieder zu verausgaben. Die Sonne ist ein so wunderbarer Energie.Leitstrahl.

collage LOOK, UE J. HAWK
Marathon – Ehrenfelder Kunstverein, Cologne 1997
Etwas Unheimliches war von den früheren XMM-Versuchen beim ESC zurückgeblieben. An manchen Tagen verzückte mich die Erinnerung, an anderen war es niederschmetternd, selbst nach so vielen Jahrzehnten, wie sich heute zeigte. XMM waren erste Versuchsreihen in einem mit der ESC kooperierenden privaten Entwicklungslab, das die geniale X-Mind-Machine entwickelt hatte. Getarnt als Freilandlabor arbeitete man dort an einer neuronalen Methode zur Aufzeichnung der vielschichtigen Gedankenimpulse des menschlichen Gehirns. Die Mitarbeit war mit keiner Einnahme von Kontrastmitteln oder anderen Psychopharmaka verbunden, entspannt verbrachte man den Beobachtungstag am Pool oder spazierte im weitläufigen Park. Ich arbeitete als Probant und verdiente nicht nur ordentlich Geld mit gedankenvollem Nichtstun, sondern konnte erstmals all meine Gedanken in Echtzeit aufzeichnen und anschliessend druckreif ausbelichten.
Ich hatte reichlich Fantasie mir solche Apparaturen vorzustellen, als der erste Bericht langsam aus dem Drucker schwallte, war ich doch verwirrt, was da tags wie nachts in meinem Kopf passierte, bzw. was ich parallel wahrnahm und zu Engrammen verarbeitete. Diese spezielle Technik verhalf mir damals überhaupt erst dazu, meine sonderbaren Text/Bildcollagen zu kreieren.
Nach dem ersten Glück und natürlich reichlich Pannen in den folgenden Versuchsreihen zur Verfeinerung der Software, stellte ich allerdings auch eine mal mehr, mal weniger unangenehme Nebenwirkung fest: Ich erinnerte mich manchmal bis auf die Minute an Dinge, die vor 5, 10 oder 50 Jahren passiert waren. Heute war solch ein Tag und ich dachte an den ersten Ferientag nach einer kurzen, aber sehr fordernden Exkursion. Regenschwere Wolken hingen am Himmel, klarer Fall für den Einsatz der orangefarbenen Sonnengläser. Auf dem Weg zu den Jungs hörte ich Heather’s ‘London Rain (Nothing Heals me Like You)’
I’m coming home to you – I’m alive I’m alive I’m a mess – I can’t wait to get home to you – To get warm and undressed …
Noch in Gedanken an die schöne mail von Miriam, spürte ich meine erregenden Gedanken an sie in den Rennsattel pressen. Feuchterdiger Geruch beim Eintritt in das kleine Waldstück, Vögel flogen mit mir um die Wette, alles very natural. Leider hielt der Tag dem ersten Anflug nicht stand.
…
Mit der schmerzlichen Erinnerung an diese und vorangegangene Ereignisse ging ich heute zum Hangar meines Sonnenschiffes; der Fahrer folgte mir im Schrittempo mit der Rikscha. Selbst nach all den Jahren waren Veränderungen tiefliegende Brüche; ich ahnte nur, dass die nun folgende irdische Aufgabe sicher reizvoll war, mir aber nochmals alles abverlangte, was ich jemals gelernt hatte, nicht nur in der direkt hinter mir liegenden Lebenszeit. Wir nannten das schon früher croszen, eine sonderbare Fähigkeit aus eigenen und anderen Erfahrungen situative Handlungen abzuleiten. Die hohe Konzentration, die dazu nötig war, führte zu einem ultimativen Körpergefühl, einem emotionalen Orgasmus und nachfolgender totaler Erschöpfung. Zur regenerativen Stärkung hatten sich bereits die Göttinen der Tempelschiffe empfohlen – rein prophylaktisch rief ich Mia an.
preview des 2ten Kapitels aus ‘Die Konsequenz’, © 2007 by ue j. hawk /oolab
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